Flucht oder Auswandern?

Eine Flucht unterscheidet sich natürlich erheblich von einer Auswanderung, da sie in der Regel aus großer Not und Zeitdruck heraus erfolgt, während eine Auswanderung meist von langer Hand geplant, durchdacht und in beruflichen oder privaten Angelegenheiten begründet ist.

Auch wenn beide Handlungen somit eigentlich unmöglich miteinander vergleichbar sind, so ist es in meinem speziellen Fall durchaus eine Mischung aus beiden.

Nach Kroatien auswandern möchte ich am liebsten schon seit meinem ersten Aufenthalt dort. Lange Zeit nur Träumereien, habe ich mich dennoch über all die Jahre immer wieder ernsthaft damit beschäftigt. Vor allem, wenn ich gerade einmal wieder von dort nach Deutschland zurückgekommen bin. Von Beginn an begleitet hat mich neben verschiedenen Geschäftskonzepten jedoch immer der Traum einer schriftstellerischen Tätigkeit rund um Kroatien. Diesen habe ich inzwischen – meiner Seele folgend – verwirklicht. Dazu aber mehr an anderer Stelle über „Das liebe Geld“. Ein Leben in Kroatien ist also ohnehin bereits seit etlichen Jahren mein Wunsch und kein Hirngespinst aus einer naiven Urlaubslaune heraus. Wobei ich auch solche Unternehmungen nachvollziehen kann und auch bewundere! Warum denn auch nicht? Muss doch jeder selbst wissen, wie er sein kurzes Dasein auf diesem wunderschönen Planeten verbringt und gestaltet.

Womit ich auch schon beim nächsten Aspekt, der Flucht, bin. Unsere wunderschöne Erde ist nämlich ganz ordentlich aus den Fugen geraten, was eine Neuorientierung und -sortierung auch beim Einzelnen unabdingbar macht. Seinen Platz oder richtigen Weg in dieser Zeit zu finden, ist so individuell, dass sich darüber auch nicht streiten lässt. Verständlich dürfte dabei fast jede Ansicht sein. Was ich jedoch seit Anbeginn dieser vornehmlichen Gesundheitskrise nicht begreifen kann und mit jeder Faser meines Seins ablehne und sogar verachte, ist der Umgang mit unseren Kindern. Ohne es im Einzelnen aufzuzählen, ist der Schaden, den wir ihnen zugefügt haben, nie wieder gut zu machen. Eine bittere Gewissheit, die mich in Not und unter Zeitdruck setzt. Und daher möchte ich flüchten. Am liebsten vorgestern.

Also selbst, wenn mein jahrelanger Wunsch, das Land zu verlassen, nicht bestünde, würde ich gerade ebenfalls darüber nachdenken, wie ich meine Kinder hier schnellstmöglich rausbringen kann. Meine beruflichen und privaten Verbindungen nach Kroatien machen diesen Entschluss  gedanklich sicherlich etwas einfacher, da ich Deutschland zwar als meine Wurzel, nicht aber als meine Heimat betrachte und fühle. Diese Gesellschaft hier ist nichts für mich. Auch vor 2020 schon nicht. Nichts desto trotz ist die Tatsache des Drucks, dem man hier insgesamt ausgesetzt ist, eine große – vermutlich aber nur innerliche – Hürde. Ich fühle mich derzeit sozusagen, als müsste ich die lang ersehnte Auswanderung nun schlagartig in eine Flucht umwandeln.

Ja, es mischt sich miteinander, wobei sich bei mir eher der impulsiv agierende Kroate als der bis ins Detail planende Deutsche durchsetzt. Ich will einfach heim. Dorthin, wo meine Kinder wieder lachen und leben können. Bald hat man ihnen zwei Jahre ihrer Kindheit gestohlen. Ich möchte vorgestern heim!

(Bildnachweis: Dana Jungbluth)